logbuch
Ist emotionale Kontrolle im Job ein Zeichen von Souveränität? Oder eine teure Erfindung unserer Arbeitskultur?
Bordfunk aus dem Maschinenraum: über kontrollierte Gefühle, die Wand zwischen Funktionieren und Feierabend und was Hochsensibilität wirklich ist.
Der Reporter bringt die Meldung vom 22. Juli herein — eine Beobachtung über Arbeitskultur und Wahrnehmung. Originalwortlaut.
Wer jahrelang gegen die eigene Natur arbeitet, bezahlt die Rechnung später. Meistens mit Zinsen.
Zusammenreißen kann man sich, eine Weile jedenfalls.
Wer seine Emotionen im Job kontrolliert, gilt heute als souverän. Ich halte das für eine der teuersten Erfindungen unserer Arbeitskultur.
Wir haben uns angewöhnt, Gefühle für etwas zu halten, das man in den Griff bekommt. Im Beruf sowieso, aber inzwischen fast überall. Wer seine Emotionen kontrolliert, gilt als souverän, aber damit ziehen wir eine Wand zwischen der Person, die morgens funktioniert und der, die abends nach Hause kommt.
Diese Wand hat es so früher nicht gegeben.
Was dabei verloren geht, ist die ältere Einsicht, die Psychologie und kontemplative Traditionen teilen: dass man annehmen darf, was ohnehin schon da ist. Nicht wegdrücken, nicht weglaufen, sondern damit umgehen lernen.
Früher wäre das eine Selbstverständlichkeit gewesen. Heute muss man es sich beibringen, weil eine Kultur, die Kontrolle mit Reife verwechselt, es einem nicht mehr schenkt.
Das ist der Punkt, an dem ich bei hochsensiblen Menschen am häufigsten arbeite und wo die gängigen Bilder in die Irre führen. Sensibilität wird gerade gern als Regler gedacht, ganz aufgedreht die zarte Orchidee, ganz heruntergedreht der robuste Löwenzahn, so wandern die Blumentypen durchs Netz.
Die Forschung zeichnet ein genaueres Bild. Was wir Hochsensibilität nennen, ist kein einzelnes Merkmal, sondern ein Bündel aus mehreren, die sich überlagern und in verschiedene Richtungen ziehen.
Die feine Wahrnehmung von Stimmung und Ästhetik läuft auf einer anderen Achse als die Reizempfindlichkeit und beide sitzen im selben Menschen.
Deshalb ist es kein Widerspruch, wenn jemand die Bürolautstärke am Dienstag kaum erträgt und bei monotoner Arbeit trotzdem EDM auf die Ohren legt, laut und treibend. Bei mir hat das auch mit meiner Liebe für die analoge Synthesizer-Klangerzeugung und die unendliche Fülle von Möglichkeiten der modernen Synthesizer zu tun, aber der eigentliche Grund liegt tiefer. Der treibende Takt nimmt dem Kopf die Arbeit ab, sich ständig selbst beim Denken zuzusehen. Eine Bergwanderung um fünf Uhr früh leistet dasselbe, nur leiser.
Und genau hier liegt die Arbeit, die einem niemand abnimmt. Tief zu fühlen ist keine Auszeichnung, solange man nicht gelernt hat, die Gedanken auch wieder ziehen zu lassen.
Wer viel aufnimmt und das nie geübt hat, brennt aus.
Die Empfindlichkeit ist dabei nie das Problem gewesen. Das Problem ist eine Welt, die uns beigebracht hat, sie für einen Makel zu halten, statt uns zu zeigen, wie man mit ihr lebt.
Systeme lesen. Menschen verstehen.
Erstveröffentlichung: Bordfunk (LinkedIn), 22.07.2026.