logbuch
Woran erkennt man Erschöpfung bei Entscheidern? Am Urteil, lange bevor die Zahlen kippen.
Bordfunk aus dem Maschinenraum: über die Strecke vor der Erschöpfung, Achtsamkeit im Gehen und die Frage, was mit vierzehn getragen hat.
Der Reporter reicht eine persönliche Meldung durch — kein Ratgeber, eine Beobachtung. Originalwortlaut.
An Entscheider, die gerade gut funktionieren: Der Output ist der letzte Indikator, der kippt. Vorher kippt das Urteil, und das steht in keiner Zahl.
Eine Abgrenzung vorweg. Ein Burnout gehört in ärztliche und psychotherapeutische Hände, dort endet meine Arbeit.
Mich interessiert die Strecke davor. Die Monate, in denen die Last hoch bleibt, die Verarbeitung überläuft und nach außen trotzdem alles stimmt. Diese Strecke ist teurer, als sie aussieht, weil ein erschöpftes System weiter entscheidet und weil in komplexer Arbeit eine einzige gute Entscheidung mehr wert ist als zwei Wochen Mehrarbeit.
Was dagegen hilft, ist meistens unspektakulär.
Mein Weg führt über die Zen-Philosophie, wobei das mit Kissen und Räucherwerk weniger zu tun hat, als die meisten vermuten.
Es geht darum, im Jetzt zu bleiben und Gedanken vorbeiziehen zu lassen, ohne jedem einzelnen nachzugehen. Auch dann, wenn der Kopf längst drei Quartale weiter ist.
Achtsamkeit beginnt für mich nicht im Sitzen, sie beginnt im Gehen.
Also gehe ich. Berge, bevorzugt auf Wegen, die seltener betreten werden, aber auch solche, die durch ihre Schönheit und Erreichbarkeit mehr Menschen anziehen, denn Ästhetik und Schönheit tragen ähnlich wie Stille. Für die reine Stille suche und finde ich weitere Orte wie zum Beispiel eine Stelle im Wald, die ich seit Jahren kenne und wenigen Menschen zeige.
Am Rothsee arbeite ich gern, für die eigene Stille taugt er nicht, denn in der Ferne liegt die Autobahn, leise, und leise reicht schon, um die Stille zu vermissen.
Davor war der Segelflug. Mit vierzehn angefangen, mit siebzehn den Schein, knapp fünfzehn Jahre lang die Sache, die getragen hat.
Man lernt dort früh, dass Steigen wenig mit Anstrengung zu tun hat. Die Thermik ist ohnehin da. Die Arbeit besteht darin, sie zu lesen, einzudrehen und den Widerstand gegenüber der Natur, den Strömungen zu reduzieren. Gefühlvoll, nicht übersteuernd, im Einklang mit den Elementen.
Aufgehört habe ich trotzdem und zwar so, wie man solche Dinge aufgibt: nicht an einem Tag und nicht mit einer Entscheidung, sondern über Jahre hinweg, erst das Studium, dann der Beruf, dann alles andere, bis der Platz irgendwann ohne mich auskam.
Was Jahre später kam, hat tiefer gegriffen und länger gedauert, als das Wort Erschöpfung vermuten lässt. Ein Rückweg zum Fliegen wäre auf dem Papier möglich gewesen. Ich habe ihn nicht genommen, weil das, was dafür nötig gewesen wäre, mich noch einmal durch genau das geführt hätte, wo ich gerade herauskam.
Das ist der Grund, warum ich im Gespräch selten nach Zielen frage. Stattdessen frage ich, was am Anfang die Motivation im Beruf war, bevor daraus Routine wurde, was in der Jugend getragen hat und ob davon noch etwas Bestand hat.
Die Antworten finden die Menschen selbst, ich halte mich da raus.
Was mit vierzehn getragen hat, ist selten ganz verschwunden. Meistens wurde es nur abgestellt, für etwas, das zu diesem Zeitpunkt dringender erschien.
Erstveröffentlichung: Bordfunk (LinkedIn), 27.07.2026.