logbuch
Warum sind die Menschen am schwersten zu lesen, die in sich ruhen? Weil bei ihnen nichts im Raum bleibt, was Worte und Ausdruck trennt.
Bordfunk aus dem Maschinenraum: über Wahrnehmung, die Lücken im Gespräch und die Menschen, an denen die Analyse nichts findet.
Der Reporter bringt eine Meldung über Wahrnehmung, Hochsensibilität und die Prüfung des eigenen Eindrucks herein. Originalwortlaut.
Die Menschen, die ich am schlechtesten lesen kann, sind die, die in sich ruhen.
Davon gibt es nicht viele. Bei ihnen passt das, was sie sagen, zu dem, was sich in Stimme und Haltung zeigt und dann bleibt meine Wahrnehmung neutral, weil schlicht nichts im Raum ist, was Worte und Ausdruck trennt.
Was ich im Gespräch wahrnehme, ist meist eine Lücke. Eine sehr sachliche Schilderung und dazu eine Pause an einer Stelle, an der keine hingehört. Eine klare Entscheidung, die mit hörbarem Unbehagen vorgetragen wird. Gestik und Mimik, die nicht zur Situation passen.
Ich muss mich darauf nicht konzentrieren. Mein Körper nimmt die Signale von selbst auf, mein Geist bewertet und filtert sie. Klingt im ersten Augenblick komisch, letztlich ist es aber die Biologie, die uns Menschen ausmacht. Auch Menschen, die sich selbst für sehr rational halten, besitzen oft eine erstaunliche Wahrnehmung. Ihr Geist drosselt sie, ihr Körper nimmt trotzdem alles auf und genau das ist ein Teil ihrer täglichen Arbeitslast.
Was mir auffällt, nehme ich trotzdem nie als Befund. Ich frage nach, manchmal über einen Umweg, der zunächst belanglos wirkt und prüfe meinen Eindruck an dem, was mein Gegenüber daraus macht. Erst wenn beides zusammenpasst, arbeite ich damit. Das bedeutet nicht, dass ich sage „so ist es“. Es bedeutet, dass meine Fragen spezifischer werden und mein Gegenüber sein System selbst hinterfragt und zu eigenen Erkenntnissen kommt.
Hochsensibilität erklärt für mich, warum mir vieles früh auffällt. Ob ich damit richtig liege, entscheidet sich jedes Mal neu im Gespräch. Menschen nehmen unterschiedlich wahr und gerade deshalb braucht jede Wahrnehmung die Prüfung durch das Gegenüber selbst.
Erstveröffentlichung: Bordfunk (LinkedIn), 28.10.2026.