ausgabe
ETF-Crash: verkaufen oder aushalten?
Die Redaktion verhandelt die meistgestellte Depotfrage überhaupt — ETF verkaufen oder aushalten — mit Zahlen aus zwei sich widersprechenden Studien und einem verhaltensökonomischen Blick auf rote Kurse.
Kurzantwort
Die Daten sind unbequem eindeutig: Nicht der Crash kostet die meisten Anleger Rendite, sondern ihre Reaktion darauf. Wer handelt, wenn es weh tut, hat im Schnitt 1,2 Prozentpunkte pro Jahr weniger als sein eigener Fonds. Was das für dich heißt, entscheidet niemand hier, aber du solltest die Rechnung kennen, bevor du auf Verkaufen drückst.
Dinoverhandlung
Der Moderator
Die Frage erreicht uns jedes Mal, wenn es kracht, und sie klingt immer gleich: Mein ETF ist zwanzig Prozent im Minus, verkaufen oder aushalten? Bevor jemand antwortet, halten wir fest, was da eigentlich gefragt wird. Nicht nach dem Markt. Nach Erlaubnis, den Schmerz zu beenden. Das ist keine dumme Frage. Es ist die ehrlichste, die man an einem roten Tag stellen kann. Also nehmen wir sie ernst und schauen zuerst nach, was Menschen tatsächlich passiert, die in solchen Momenten handeln.
Der Alte
Ich sage es ungern, aber ich habe das Stück schon gesehen. 1987 hieß es Schwarzer Montag, 2000 platzte eine Blase mit Internetanschluss, 2008 fiel eine Bank um, 2020 reichte ein Virus. Jedes Mal dieselbe Choreografie: erst der Sturz, dann die Schlagzeile, dann die Verkaufswelle, dann, etwas später und deutlich leiser, die Erholung, bei der die Verkäufer von draußen zusehen. Wer ein Massenaussterben aus erster Klaue kennt, weiß: Nicht der Einschlag entscheidet, wer übrig bleibt. Sondern was man in den Jahren danach tut. Die Frage 'verkaufen oder aushalten' ist zweihundert Jahre alt. Neu ist nur, dass du sie heute nachts um zwei mit dem Daumen beantworten kannst. Das ist kein Fortschritt. Das ist eine Falltür mit Beleuchtung.
Die Analystin
Dann rechnen wir. Morningstar misst seit fast zwanzig Jahren, was Fonds abwerfen und was bei den Anlegern davon ankommt. Die Ausgabe 2025, Zeitraum 2015 bis 2024: Die Fonds machten 8,2 Prozent im Jahr. Der durchschnittlich investierte Dollar ihrer Anleger: 7,0 Prozent. Die Lücke von 1,2 Prozentpunkten pro Jahr entsteht durch Kaufen und Verkaufen zur falschen Zeit, und über zehn Jahre entspricht sie rund 15 Prozent des gesamten Gewinns. Sie wird größer, je nervöser das Geld ist: Bei Fonds mit den unruhigsten Zuflüssen lag sie bei 1,8 Prozentpunkten, bei den ruhigsten bei 0,8. Bei Branchenfonds, dem Lieblingsspielzeug der Aufgeregten, bei 1,5. Und jetzt die Gegenrechnung, denn diese Redaktion prüft auch Zahlen, die ihr gefallen: Eine Studie im Financial Analysts Journal von 2026 hat Morningstars Methode nachgebaut und kommt zum Schluss, dass schlechtes Timing im engen Sinn nur etwa 0,10 Prozentpunkte pro Jahr kostet; der Rest der Lücke stecke in der Rechenmethode selbst. Wer hat recht? Vermutlich liegt die Wahrheit dazwischen, und für dich ist das fast egal. Denn selbst die freundlichste Lesart sagt nicht: Verkaufen im Crash lohnt sich. Sie sagt nur: Der Schaden ist vielleicht kleiner als plakatiert. Keine der beiden Studien hat je einen Bonus fürs Verkaufen am Tiefpunkt gefunden.
Der Moderator
Bleibt die eigentliche Frage: Warum will der Daumen verkaufen, obwohl der Kopf die Zahlen kennt? Weil Verlust kein Rechenergebnis ist, sondern ein Alarm. Das Gehirn gewichtet Verluste ungefähr doppelt so stark wie gleich große Gewinne, das ist seit Kahneman und Tversky vermessen, und der Alarm will genau eines: dass es aufhört. Verkaufen beendet nicht den Verlust. Verkaufen beendet das Hinschauen, und macht den Verlust endgültig. Deshalb gehört die Entscheidung nicht in den roten Moment. Wer Regeln braucht, macht sie bei Sonnenschein: Wie viel Schwankung trage ich, wann schaue ich ins Depot, was tue ich bei minus dreißig? Steht das fest, bevor der Sturm kommt, muss nachts um zwei niemand mehr klug sein.
Der Alte
Ob du verkaufst, entscheidest du. Diese Gazette berät dich nicht und will dir nichts andrehen, auch keine Beruhigung. Sie legt dir nur die Rechnung hin, die dein Daumen gerade nicht sehen will.
Werkzeugandockung
Wenn du wissen willst, was in solchen Momenten in dir rechnet: Das Labor nebenan hat dafür ein Journal. Es speichert nichts auf fremden Rechnern und will nichts von dir. Auslöser 'Depot rot' ist vorgewählt.
Quellen
- Morningstar, 'Mind the Gap 2025' (Ptak/Arnott): Anlegerrendite 7,0 % p. a. vs. Fondsrendite 8,2 % p. a., Lücke 1,2 Prozentpunkte ≈ 15 % des Gesamtertrags, Zeitraum 2015–2024; Detailwerte: unruhige Zuflüsse 1,8 / ruhige 0,8 / Branchenfonds 1,5 Prozentpunkte.
- Financial Analysts Journal (2026): 'Bad Timing Does Not Cost Investors 15% of Their Funds Returns' — Replikationsstudie, beziffert reinen Timingschaden auf ca. 0,10 Prozentpunkte p. a.
- Kahneman/Tversky (1979): Prospect Theory, Verlustaversion (Verluste wiegen etwa doppelt).
- Ausführliche, quellengestützte Fassung beim Herausgeber: joerg-hoermann.de/blog/etf-mythos
Verwandte Frage